Die Karte, die nicht mehr im Ordner verstaubt

Ich tippe auf die Route quer durch Italien, und schon tauchen meine Fotos auf, die am nächsten an dieser Stelle entstanden sind: Verona, Palazzo della Ragione. Noch ein Fingertipp, diesmal auf die Route nach San Sebastián, und die Fotos zeigen den Strand La Concha. Das alles öffnet sich mit einem Knopf in Telegram, im selben Chat, in den ich Reels weiterleite.
Fast alles, was hinter diesem Knopf steckt, hatte ich schon. Im Sommer hat eine KI meine 7.915 Screenshots und 67.608 Familienfotos ausgewertet, heraus kamen schöne Karten, und die blieben im Ordner liegen. Schwierig war am Ende nicht die Analyse, sondern die letzte Meile: der Weg von der fertigen Karte bis dorthin, wo ich ganz von selbst über sie stolpere.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Karten aus dem Sommer sind jetzt in Telegram, in der Mini-App „Fundstücke“: 591 Orte, 50 Reisen, 6.345 eigene Fotos, dazu Schritte und die Strecken, die meine Uhr aufgezeichnet hat.
- Ein Bot, mit dem ich einfach geredet habe, hat die App an einem Tag gebaut. Code habe ich keinen geschrieben.
- Google Timeline sammelt Daten hervorragend, zeigt sie aber öde an, und was vor dem Einschalten war, kennt sie nicht.
- Die Lehre für Unternehmen: Entscheidend ist nicht die kluge Analyse, sondern wo die Daten liegen und wie viele Fingertipps es bis zur Antwort braucht.
Totes Kapital
Der erste Artikel brachte eine Karte mit 192 Orten aus Screenshots, der zweite einen Reiseatlas aus Fotos, der dritte die Lehre, dass sich ein GPS-Tag die Kamera merkt und nicht den Menschen. Das alles liegt in einem Ordner. Und eine Karte, zu der man erst hinmuss, verliert gegen das Fenster, das ohnehin den ganzen Tag offen ist. Bei mir ist das Telegram.
Ein Knopf direkt im Chat
Am Sonntag, dem 11. Oktober, habe ich einen meiner Bots für Reels abgestellt und ihn „Analyse“ getauft. Am selben Tag habe ich ihn gebeten, eine App zu bauen, und um 15:20 Uhr erschien im Chat der Knopf „Fundstücke“. Bis zum späten Abend waren die Routen und meine Fotos auf der Karte, am Montagmorgen dann die Reisen aus der Liste meines Vaters. Code habe ich keinen geschrieben: Ich habe erklärt, was ich will, mir das Ergebnis angesehen und um Korrekturen gebeten. Ein Reel, das ich in den Chat weiterleite, steht ein paar Minuten später auf der Karte.
Fünf Fragen an die Karte
Jede Ansicht beantwortet eine Frage, die ich mir selbst stelle.
Was habe ich da fotografiert?
Jahreswechsel in Italien: elf Tage mit Bus, Bahn und Auto, von Mailand bis Rom. In der Galerie lässt sich der Tag in Verona unter 70.000 Fotos zwar finden, nur scrollt man dafür lange. Auf der Karte reicht ein Fingertipp auf die Route.
Wie war das noch mal?
Schweiz im September 2020, sechs Tage mit Thun als Basis und jeden Tag ein anderes Ziel: Oeschinensee, Bern, Lausanne, Montreux, Basel. Die Seite der Reise zeigt die Route auf einer Satellitenkarte und die Fotos der Reihe nach, jedes lässt sich im Vollbild öffnen. In einer halben Minute fügen sich die sechs Tage wieder zu einer Reise zusammen.
Wo bin ich herumgelaufen und wie weit?
In den Städten weiß die Karte mehr, als ich selbst noch im Kopf habe: Aus den Standortdaten von Fotos und Videos kennt sie 3.577 Wegpunkte meiner Spaziergänge, 1.291 davon sind Sehenswürdigkeiten. Handy und Uhr haben die Schritte für jeden Tag und die Strecken der Spaziergänge beigesteuert. Istanbul, 3. Januar 2025: der Wegpunkt „Deutscher Brunnen“, 17:06 Uhr, zwei Fotos, und darunter eine 9 Kilometer lange Strecke, die die Uhr aufgezeichnet hat. Ich tippe auf die Linie, und die Reise öffnet sich: neun Tage rund ums Marmarameer, 132.398 Schritte, 101 Kilometer.
War ich hier schon mal?
Die Alte Brücke in Heidelberg hatte ich irgendwann als Screenshot gespeichert, wie Hunderte anderer Orte. Jetzt hat ihre Seite von selbst sechs meiner Fotos von dort gefunden. „Will ich hin“ und „War ich schon“ stehen zum ersten Mal auf derselben Karte, und man sieht, wo beides zusammenfällt.
Wohin als Nächstes?
Die Pläne sind danach eingefärbt, wie bald sie anstehen: Je näher die Reise, desto heller die Linie. Der längste Plan ist vorerst ein Traum: vom finnischen Kemijärvi ins portugiesische Lagos, 23 Züge, weiter kommt man auf den Schienen der EU nicht. „Harry Potter durch Großbritannien“ hängt am britischen Visum. Auf der Seite eines Plans sieht man gleich die Städte der Route mit Fotos aus Wikipedia.
Die Clips hat ein KI-Agent nach Drehbuch aufgenommen, Fotos mit Menschen darauf wurden schon vor der Aufnahme entfernt.
Spaziergänge in Nahaufnahme
Drei Städte, jeder Tag in seiner eigenen Farbe. Die durchgezogene Linie ist die Strecke, die die Uhr aufgezeichnet hat. Die Punkte zeigen, wo ich fotografiert habe, die gestrichelte Linie die Wege dazwischen. Liegen zwischen zwei Fotos mehr als 900 Meter oder 40 Minuten, bin ich vermutlich gefahren, und dort fehlt die gestrichelte Linie.
Prag, 22.-24. September 2025. Strecke vom 22. September: 4,7 km durch die Altstadt und über die Mánes-Brücke bis zum Hradschin. In drei Tagen kamen 58 km zusammen.
Istanbul, 3.-5. Januar 2025. Strecke vom 3. Januar: 9 km von Beyoğlu zur Blauen Moschee und zurück.
Amsterdam, 25.-27. März 2025. Strecke vom 26. März: 3,4 km an den Grachten entlang.
Schritte zählen Handy und Uhr immer mit, und seit April 2024 gibt es sie für 11 Reisen.
- Bulgarien, vom Rila bis ans Meer 2024 113 km
- Rund ums Marmarameer 2024-25 101 km
- Amsterdam und Luxemburg 2025 55,7 km
- Paris 2025 49,6 km
- Bulgarische Küste 2025 182,8 km
- Prag und Olmütz 2025 91,8 km
- Italien zu Silvester 2025-26 130,2 km
- Colmar 2026 25,6 km
- Brüssel 2026 41,5 km
- Romantische Straße 2026 61,4 km
- Baltikum 2026 63,9 km
Rekord - 24. September 2025, Prag: 29.858 Schritte, 22,3 km, Strecke: Spaziergang 1,3 km
Jeder Abschnitt ist ein Tag, seine Länge zeigt die Kilometer an diesem Tag, hell sind die Tage, an denen die Uhr eine Strecke aufgezeichnet hat. Tippe auf einen Abschnitt, um die Details zu sehen.
Der zweite Zeuge
Im Juli haben mir die Fotos eine Safari in Madagaskar angedichtet, wo ich nie war. Jetzt hat die Karte einen zweiten Zeugen, ganz ohne GPS: die Liste unserer Auslandsreisen, die mir mein Vater 2022 geschickt hat. Der Abgleich hat in beide Richtungen funktioniert.
Am nützlichsten sind die Stellen, an denen sich die Zeugen widersprechen. In einem Unternehmen gibt es den zweiten Zeugen meistens schon, man lädt ihn nur nicht vor: Beim CRM sind das die Rechnungen, bei den Bestellungen das Lager.
Und was ist mit Google Timeline?
| Google Timeline | „Fundstücke“ | |
|---|---|---|
| Woher die Daten kommen | zeichnet selbst im Hintergrund auf, solange sie eingeschaltet ist | sammelt sie nachträglich aus Fotos, Videos, E-Mails, Listen und Daten der Uhr |
| Vergangenheit | erst ab dem Einschalten | 50 Reisen seit 2000 |
| Wie es aussieht | Verlauf nach Tagen, Tabs für Orte, Städte und Länder | alle Reisen und meine Fotos auf einer Karte |
| Pläne und Gespeichertes | keine | 591 Orte, 57 Fundstücke, 5 Pläne |
| Griffbereit | Maps → Profil → „Zeitachse“ | Knopf im Chat, in dem ich sowieso den ganzen Tag bin |
| Wo die Daten liegen | auf dem Handy, verschlüsseltes Backup auf Wunsch | mein Server, Zugriff habe nur ich |
Daten sammelt Timeline besser als alle anderen: Sie zeichnet jeden Tag von selbst auf, ganz ohne Fotos. Nur die Darstellung ist öde: Daten hat Google, Designer anscheinend nicht. Dafür lässt sich die Zeitachse aus Google Maps in einer einzigen Datei exportieren. Dann ist Timeline nur noch der Sammler, und anschauen werde ich mir alles in „Fundstücke“. Apple Fotos und Polarsteps haben jeweils ihre eigenen Stärken, aber Vergangenheit, Pläne und Fundstücke bringt keine von beiden in einem Fenster zusammen.
Was das für alle heißt, die Daten auswerten
Das Fazit ist unbequem, und es betrifft mich genauso. Ein Bericht in einem Ordner und derselbe Bericht in dem Chat, in dem das Team den ganzen Tag sitzt, sind zwei verschiedene Produkte mit demselben Inhalt. Jedes Datenprojekt würde ich mit der Frage beginnen, in welchem Fenster jemand die Antwort sieht und nach wie vielen Fingertipps.
Es gibt auch Schwachstellen. Neue Fotos kommen noch nicht von selbst auf die Karte, und Orte aus alten Screenshots könnten inzwischen geschlossen haben. Und ich weiß nicht, ob ich „Fundstücke“ in drei Monaten noch öffnen werde. Wenn ich im Januar immer noch einmal pro Woche reinschaue, dann lag es an der letzten Meile. Wenn nicht, gibt es einen fünften Artikel.
Wie es weitergeht
Reisen innerhalb Russlands stehen nicht auf der Liste meines Vaters. Von den meisten alten Reisen habe ich kein einziges eigenes Foto, auf ihren Seiten sind Bilder aus Wikipedia. Als Nächstes ist das Fotoarchiv meiner Eltern dran, rund zwei Terabyte: Ich gleiche es nach Datum mit der Karte ab und schaue, wie viele Reisen aus meiner Kindheit es zurückbringt. Schritte und Strecken gibt es bisher erst ab April 2024. Mit einem vollständigen Export aus Apple Health bekommen auch die alten Reisen ihre Schritte.
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